Geschichten aus dem Wendelsteiner Brauhaus

Literarische Spurensuche und Erinnerungen an „200 Jahre Brauerei in Wendelstein“
Brauhaus „Lang & Maisel“ ist bis heute im Ort unvergessen

Wendelstein – Genau vor 200 Jahren hat mitten im Wendelsteiner Altort eine neue Brauerei eröffnet und prägte bis zu ihrer Auflösung 1991 das Leben im Marktort mit. Wie stark die Brauerei unter ihren Besitzerfamilien auch immer den Alltag der Menschen – und dies sogar über die Grenzen der Gemeinde hinaus – mitgeprägt hat, machte jetzt ein Abend ganz im Zeichen der Erinnerung an diese Brauerei deutlich. Bestens zum Thema passend fand die gut besuchte Veranstaltung im heutigen Martin-Luther-Haus der Kirchengemeinde statt, das 1850 ursprünglich als Lagerscheune der Brauerei errichtet worden war.

Nach der musikalischen Begrüßung der Zuhörer durch das Duo Hermann Lahm (Akkordeon) und Frieder Scherer (Klarinette) eröffnete Bürgermeister Werner Langhans mit einem Dank an alle Mitwirkenden des Abends die Veranstaltung und war erfreut, trotz weiterer Veranstaltungen und des draußen wütenden Herbststurms so viele Interessierte an Wendelsteins Brauereigeschichte im Martin-Luther-Haus zu sehen. Ein besonderer Gruß galt zudem Sylvia Lang als Angehöriger der früheren Brauereibesitzerfamilie Lang und weiteren Ehrengästen. Ein Rückblick auf die bisherigen Aktionen der Gemeinde zum Brauereigründungsjubiläum 1818 beschloss die Begrüßung und Wendelsteins Kulturpreisträgerin Gudrun Vollmuth übernahm die Moderation.

Das Vortragsprogramm begann jedoch keineswegs „bierernst“, denn Anni Kniesburges und Bernd Kalb trugen Trinksprüche vor und auch im weiteren Verlauf des Abends lockerten sie mit ungereimten wie gereimten Gedanken rund ums Bier die Veranstaltung auf. Den Block der historischen Brauereientwicklung eröffnete Ludwig Weber mit Informationen über den Konflikt bei Genehmigung und Bau der Brauerei ab 1813 bis 1818, als deshalb die Braustättenbesitzer im Umland bis nach Pyrbaum und Roth Lauf/Pegnitz befragt wurden und „natürlich“ die neue Konkurrenz ausführlich in ihren Antwortschreiben ablehnten.

An die Bedeutung der Brauerei für Wendelstein erinnert

Wie stark ab 1818 dann die Brauerei das Leben in Wendelstein mitprägte, erfuhren die Zuhörer von Historiker Dr. Jörg Ruthrof, der nicht nur die Besitzerfamilien und die lange Phase als Familienbrauerei „Lang & Maisel“ vorstellte, sondern auch Aspekte wie die Unterstützung der Vereine am Ort, die technischen Veränderungen und die bis heute unvergessene breite Einbindung der Bevölkerung in den Brauereibetrieb über die Belegschaft hinaus. Mit amüsanten wie nachdenklichen Zitaten zum Thema „Bier“ aus der Literatur quer durch die Jahrhunderte und Epochen und deren Hintergrund dazu bereicherte zudem Bernhard Rufflar das Vortragsprogramm.

Nach einer Pause mit der Möglichkeit, gemütlich das extra zum diesjährigen Brauereijubiläum eingebraute Bier zu probieren, machte als weiterer „Lokalmatador“ Egon Helmhagen mit dem Publikum einen kurzweilig-süffigen Spaziergang durch die Geschichte des Bierbrauens von den alten Ägyptern und Sumerern bis ins Mittelalter und in die heutige Zeit mit überraschenden regionalgeschichtlichen Hinweisen wie etwa auf das erste für Nürnberger Bier geltende „Reinheitsgebot“ von 1290. Dominiert wurde die zweite Programmhälfte jedoch von persönlichen Erinnerungen von Zeitzeugen aus den Glanzzeiten der Wendelsteiner Brauerei.

„Meine Wendelsteiner sind mir auch nach 1991 treu geblieben“

Der erste „Zeitzeuge“ war Siegfried „Nick“ Pickel als langjähriger „Bierfahrer“ der hiesigen Brauerei: Von Hans Pfähler befragt, berichtete er aus seinem Arbeitsleben, das er 1969 als Fuhrfaß-Fahrer bei der Brauerei begann. Schnell stieg er dann vom 2.Fahrer bei den Bierauslieferungen mit dem LKW zum eigenständigen Verkaufsfahrer – als einer von acht Bierfahrern – für die Brauerei mit Strecken bis nach Nürnberg auf. Auch unter der Patrizier-Bräu als Besitzer ab 1987 blieb er der Brauerei treu und es ärgert ihn bis heute, wie diese eiskalt 1990/91 die Brauereiauflösung abgewickelt habe. Bei der „Glossner-Bräu“ bekam er danach eine neue Stelle und arbeitete weitere 13 Jahre dort erfolgreich als Verkaufsfahrer.

Bei 2.Bürgermeister Klaus Vogel als Zeitzeuge stand der Bekanntheitsgrad der Brauerei aus Nürnberger Sicht im Mittelpunkt: In der Südstadt geboren und aufgewachsen, gab es in direkter Umgebung seines Wohnviertels etliche Gaststätten wie das „Wodansstüberl“ oder die „Silberne Kanne“ mit teilweise wunderbaren Biergärten, die „Wendelsteiner Bier“ ausschenkten und auch bei vielen Vereinsfesten oder Pfarreifesten wurde dieses Bier geordert und ausgeschenkt. Dass bei dieser „Vorprägung“ ab dem Umzug nach Wendelstein für ihn auch der Besuch beim „Flaschner“ ein obligatorisches „Muss“ war, brauchte Klaus Vogel deshalb nur kurz andeuten.

Mit „Wendelsteiner Bier“ großgezogen

Als „Hausgeburt“ im 1.Stock vom „Flaschner“ – so erinnerte sich 3.Bürgermeister Willibald Milde – wurde er vermutlich von Anfang an schon mit „Wendelsteiner Bier“ großgezogen, wenn er etwa zur Beruhigung wohl gelegentlich in die Babyflasche auch einen Spruz Bier hineinbekam. Als Kind und Jugendlicher begeisterten ihn die Brauereipferde, zwei belgische Kaltblüter. Und er beschrieb als detailliertes gedankliches Bild das „Kontor“ in der Brauerei aus der Erinnerung. Auch die beiden Inhaber Heinrich Lang und Wilhelm Maisel waren ihm als sehr sozial in Erinnerung, da sie beispielsweise im Winter durchaus erlaubten, dass den Mitarbeitern mit dem Brauereifuhrwerk das Holz zum Heizen nach Hause transportiert werden durfte.

Als „Kanalschlamper“ von der Siedlung hatte Landrat Herbert Eckstein eher negative Erinnerungen in Bezug auf die Brauerei: Diese holte sich an manchem Winter ihr Eis für die Kühlung der Brauereilagerkeller auch aus dem alten Kanal und zerstörte damit die Eisflächen, wo die Kinder aus der Siedlung gern zum Eislaufen gingen. Erst als Erwachsener „schrumpfte“ für ihn die große räumliche Entfernung zur Brauerei, die für ihn als Kind noch weit weg und ein großes Schloß gewesen war. Leider bekomme manches erst dann – so Eckstein – einen persönlichen Wert, wenn es weg und abgewickelt ist wie es 1990/91 der Fall mit der Wendelsteiner Brauerei war.

Bereits durch die Lesungen der Schreibwerkstatt Wendelstein bekannt, beschloß Dr. Fritz Kerler den Abend mit einem neuen Brief von Hugo, dem faulsten Schloßgespenst. Um gelegentlich der lästigen Geisterverwandtschaft zu entkommen, ist inzwischen die Wendelsteiner Gemeindebücherei Hugos „Urlaubsdomizil“ und hier studierte er die aktuelle Brauereiausstellung mit ihren Bildern und Exponaten. Begeistert vom Thema „Bier“ besucht Hugo daraufhin die hiesigen Gasthäuser und versucht sich mit mäßigem Erfolg als „Biergeist“. Mit nochmaligem Dank an alle Vortragenden beschloss Bürgermeister Werner Langhans danach den Abend, für den sich viele Zuhörer in Bälde eine Fortsetzung mit weiteren ortsgeschichtlichen Themen wünschten.
(von Jörg Ruthrof)

Der Markt Wendelstein hat in Kooperation mit der Pyraser Landbrauerei eine Bier-Sonderedition auflegen lassen, um an die Gründung des Brauhauses Wendelstein vor 200 Jahren zu erinnern.

Am Sonntag, 23. September findet um 19:30 Uhr der Vortrag „Geschichten aus dem Wendelsteiner Brauhaus“ im Martin-Luther-Haus statt. Zahlreiche Wendelsteiner Persönlichkeiten kommen mit kurzen Beiträgen zu Wort.

 

Die Moderation übernimmt Kulturpreisträgerin Gudrun Vollmuth. Freuen Sie sich auf historische Begebenheiten und fiktive Ereignisse sowie Nachdenkliches und Lustiges über das Brauhaus Wendelstein.

 

 

Links:
https://www.wendelstein.de/Wendelstein/Markt-Wendelstein/Nachrichten/E183944.htm
https://zwieselbrau.files.wordpress.com/2018/09/joergruthrof-1998brauhauswendelstein180jahre.pdf

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